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Die Bandscheibe

In den Bewegungssegmenten der Wirbelsäule spielen sich die wichtigsten krankhaften Veränderungen an den Bandscheiben ab. Besonders betroffen ist die Lendenwirbelsäule, da hier ausgiebige Beweglichkeit und hohe Belastung vorliegen. Schmerzen im Bereich der Lendenwirbelsäule (sogenannte Lumbalsyndrome) stellen etwa zwei Drittel der Wirbelsäulenerkrankungen, Beschwerden im Bereich der Halswirbelsäule (sogenannte Cervicalsyndrome) etwa ein Drittel. Auf die Brustwirbelsäule entfallen knapp 2 % der Erkrankungen, da aufgrund der guten Stabilisierung durch die Rippen dieser Abschnitt hoch belastbar ist.

Aufbau der Bandscheibe
Die Bandscheibe wird von zwei knorpeligen Abschlussplatten mit darunterliegendem kompakten Knochen sowie einem Faserring, dem Anulus fibrosus, begrenzt. Dieser ist an den Randleisten der Wirbelkörper befestigt. Der Faserring ist vorne und seitlich
kräftiger als hinten zum Wirbelkanal hin ausgebildet, wobei das hintere Längsband den Faserring im mittleren Anteil verstärkt. Somit besteht eine schwache Stelle im hinteren seitlichen Abschnitt, gerade dort, wo die Nervenwurzeln nahe dem Faserring vorbeilaufen.

Nucleus pulposus: In der Mitte der Bandscheibe liegt ein Gallertkern (Nucleus pulposus). Dieser besitzt eine hohe Wasserbindungsfähigkeit auf, so dass er wie ein elastisches Kissen die Erschütterungen und Stöße abfedert und erst dadurch die Wirbelkörperbewegungen ermöglicht. Die Bandscheiben besitzen selbst keine Blutgefässe und werden deshalb ausschließlich durch eine Diffusion ernährt. Über den Tag hinweg wird die Flüssigkeit durch die Gewichtsbelastung aus den Bandscheiben ausgepresst. Daher ist man z.B. morgens größer als abends. Während der nächtlichen Ruhephase in körperlicher Entlastungshaltung können dann wieder Flüssigkeit und Nährstoffe in die Bandscheibe einströmen.

Bandscheiben-Verschleiß
Der Verschleiß der Bandscheibe ist ein physiologischer Prozess und jeder Mensch erfährt im Laufe seines Lebens einen mehr oder weniger großen Verschleiß. Die Ernährung der Bandscheiben hängt insbesondere von den alltäglichen Belastungen und den wechselnden Körperhaltung ab. Aufgrund der Tatsache, dass die Bandscheiben keine Blutgefässe zur Ernährung haben, kommt es bereits im jungen Lebensalter zu degenerativen Veränderungen. Dabei kommt es zu Ausdünnungen und Einrissen im Faserring der Bandscheibe und der Gallertkern wölbt sich vor. Üblicherweise beginnt dieser Prozess zwischen dem 25. und 55. Lebensjahr. Im Falle der Einklemmung des Gallertkernes in den Faserringes führt dies dann zu einer Irritation des stark mit Nervenfasern versorgten hinteren Längsbandes. Das hintere Längsband stellt eine natürliche Barriere zum Wirbelkanal dar und ist seinerseits durch viele Nerven versorgt. Dadurch entsteht eine Reizung dieser Nerven mit der Folge eines ausgeprägten örtlichen Schmerzreizes. Schmerzreflektorisch kommt es zu einer Überstreckung in der Wirbelsäule und Verspannung der Wirbelsäulenmuskulatur. Dies ist dann die Symptomatik eines klassischen Hexenschusses.

Fehlhaltungen in der Wirbelsäule und deren Auswirkungen
Obwohl noch keine wesentlichen Abnutzungserscheinungen in der Wirbelsäule vorliegen können Schmerzsyndrome auftreten. Diese treten meist bei Fehlhaltungen bzw. ungünstigen Belastungen und einseitigen Körperhaltungen auf. Eine solche ungünstige Körperhaltung manifestiert sich oft bei monotoner Körperhaltung zum Beispiel am Schreibtisch oder am Bildschirmarbeitsplatz. Dadurch kommt es zu einer Überlastung in den Wirbelgelenken und der Wirbelsäulenmuskulatur. Auswirkungen sind Verspannungen in der wirbelsäulennahen Muskulatur und oft auch Blockaden. Selbst ergonomisch gestaltete Arbeitsplätze können dies nicht verhindern. Deshalb ist ein regelmäßiger Haltungswechsel und kurzzeitige Dehnübungen zu empfehlen. Präventiv ist eine regelmäßige Wirbelsäulengymnastik, Fitness-Training, Yoga, Pilates, Feldenkrais und viele im Einzelfall zu überprüfende Verfahren/Methoden anzuraten.

Psychische Faktoren
In der Ursache von Wirbelsäulenbeschwerden, -schmerzen darf die Bedeutung der seelischen Verfassung / Psyche nicht unterschätzt werden. Die Psyche hat einen nicht unwesentlichen Einfluss auf unser Befinden und Schmerzempfinden / Schmerzerleben. Insbesondere bei Schmerzsymptomen im Bereich der Wirbelsäule muss oft eine psychogene Genese in Erwägung gezogen werden. „Man kann die Last und Belastungen nicht mehr tragen / ertragen, man kann sich nicht mehr aufrecht halten, das Rückgrat bricht durch, man kann nicht mehr aufrecht gehen, etc“. Viele Patienten schildern eine Schwindelsymptomatik, Ohrgeräusche (Tinnitus), Kopfschmerzen, Übelkeit, ein allgemeines Abgeschlagenheitsgefühl mit Müdigkeit und Antriebslosigkeit, Bewegungseinschränkung bis hin zu Ganzkörperschmerzen und viele mehr. Obwohl organische Veränderungen bzw. Abnutzungserscheinungen in der Wirbelsäule vorliegen können, sind diese nicht ursächlich für die Beschwerden. Entscheidend ist es eine solche psychische Ursache für sich selbst zu erkennen und zu akzeptieren, sich nicht auf die normalen / natürlichen Abnutzungserscheinungen zu fixieren, um dann durch eine professionelle psychologische / psychiatrische Hilfe eine Besserung zu erfahren. Daneben ist das Erlernen von Entspannungsverfahren (z.B. die progressive Muskelrelaxation, das Autogene Training, etc.) eine Stütze in der Behandlung dieser Beschwerden.


Bandscheiben-Protrusion (Bandscheibenvorwölbung)
Der physiologische Prozess der Bandscheibendegeneration führt zu einer Ausdünnung des äußeren Faserringes und Teile des inneren Gallertkernes wölben sich über ihre anatomische Begrenzung hinaus. Dadurch kann das hintere Längsband gereizt und phasenweise Schmerzen ausgelöst werden. In diesem Zusammenhang ist es für das Verständnis ganz wichtig zu erwähnen, dass es sich dabei um einen ganz natürlichen Abnutzungsprozess handelt. Oft sind Patienten völlig verunsichert, wenn sie eine solche Diagnose präsentiert bekommen. Es liegt jedoch in unserer völlig normalen Natur, dass solche Veränderungen auftreten und dann auch in den bildgebenden Verfahren dokumentiert werden. Meist besitzen sie keinen Krankheitswert. Die Bandscheibenprotrusionen können sich auch wieder komplett zurückbilden.

Bandscheiben-Prolaps (Bandscheibenvorfall)
Durch Einrisse im Faserring kann sich der Gallertkern der Bandscheibe vorwölben und die Nerven im Wirbelkanal bedrängen bzw. drücken. Durch den Druck auf die entsprechende Nervenwurzel entstehen radikuläre Schmerzen, die analog dem Nervenversorgungsgebiet dann im Arm oder Bein/Fuss auftreten. Am häufigsten betroffen sind die beweglichsten Wirbelsäulenabschnitte, da hier der größte Verschleiß stattfindet. Im Bereich der Halswirbelsäule sind dies die Segmente HWK 5/6 und HWK 6/7 und in der Lendenwirbelsäule die Etagen LWK 4/5 und LWK 5/SWK 1. Der Altersgipfel bei Bandscheibenvorfällen liegt zwischen dem 30. bis 50. Lebensjahr, jedoch können bereits Kinder und Jugendliche und auch Menschen jenseits des 80. Lebensjahres an einem Bandscheibenvorfall erkranken.
Im Extremfall kann sich der Gallertkern frei ein den Spinalkanal hinein verlagern (perforierter Bandscheibenvorfall). Damit assoziiert können sensible (Gefühlsstörungen) und motorische (Lähmungen, Reflexausfälle) Störungen auftreten. In solchen Fällen hängt die weitere Behandlung von den neurologischen Ausfallserscheinungen und den bildgebenden Befunden ab. Die Indikation zu einer Operation kann nur in einer subtilen Zusammenschau der vorliegenden Befunde unter Berücksichtigung von Behandlungsalternativen getroffen werden. Eine notfallmäßige Indikation für eine Bandscheibenoperation ergibt sich bei akut einsetzenden Blasen-/Mastdarmlähmungen (Conus-/Caudasymptomatik), da sonst eine Wiederkehr der nervalen Funktionen nicht mehr möglich ist (Nerventod). Glücklicherweise kommt so etwas nur äußerst selten vor.

Die Bewertung des Schweregrades eines Bandscheibenvorfalles hängt von vielen Faktoren ab. Es gibt kleine Bandscheibenvorfälle die schwere Lähmungen verursachen und große Bandscheibenvorfälle, die keine Symptome verursachen. Das ist oft von den anatomischen Variationen abhängig. Menschen mit einem anlagemäßig weiten Spinalkanaldurchmesser (Wirbelkanalweite) haben eine bessere Kompensationsmöglichkeit, die nervalen Strukturen können dem Vorfall besser ausweichen und es entsteht nur eine geringere Kompression auf die Nervenstrukturen. Es gibt viele Menschen, die einen Bandscheibenvorfall haben, aber keinerlei Beschwerden verspüren. Bei einem geringen Durchmesser des Wirbelkanals oder Einengung der Nervenaustrittskanäle kommt es zu einer vermehrten Druckwirkung auf die Nerven. Die Reizung der Nervenwurzel führt dann zu einem ausstrahlenden Schmerz, der in aller Regel exakt der entsprechenden Nervenwurzel zugeordnet werden kann. Dies bezeichnet man dann als Lumboischialgie im Bereich der Lendenwirbelsäule oder Cervicobrachialgie im Bereich der Halswirbelsäule.

In solchen Fällen ist dann eine weitere bildgebende Diagnostik mittels einer Computertomographie oder noch präziser einer Kernspintomographie erforderlich. In Abhängigkeit vom Schweregrad dieser Befunde und vor allem des körperlich / neurologischen Untersuchungsbefundes ist dann gegebenenfalls eine Operation erforderlich.

Die Operationsmethode kann nur im individuellen Einzelfall geklärt werden und orientiert sich an dem klinisch / neurologischen und dem bildgebenden Befund. Starre Vorgaben sind hier deplaziert und erfordern eine strenge Beurteilung. Es müssen dezidiert die therapeutischen Möglichkeiten und Alternativen evaluiert werden, um für den jeweiligen Patienten das schonenste Verfahren wählen zu können. Neben der an erster Stelle stehenden medikamentösen Schmerztherapie und Physiotherapie sind ggf. spezielle Injektionsverfahren (periradikuläre Therapien unter Bildwandler oder computertomographischer Sichtkontrolle) bis hin zu intradiskalen Therapien wie z.B. Dekompressor, Nucleoplastie oder IDET, etc. zu erwägen. Eine Ruhigstellung der Wirbelsäulensegmente mit Orthesen (Bandagen) ist nur selten erforderlich und bedingt meist nur eine zunehmende muskuläre Insuffizienz. Die letzte Option stellt dann die mikrochirurgische Bandscheiben-Operation bei entsprechender Indikation dar. Um dies alles zu klären, ist die entsprechende Diagnostik und Vorstellung bei einem erfahrenen Wirbelsäulentherapeuten sinnvoll.

Völlig legitim ist dabei auch die Einholung von Zweitmeinungen. Der Patient muss stets überzeugt von seiner Entscheidung für eine Therapie sein und hat das Recht auf eine umfassende Aufklärung über alle möglichen Therapieoptionen, Alternativen, die Prognose und vor allem auch über die Komplikationsmöglichkeiten und den weiteren Verlauf des Krankheitsbildes.